INTERVIEW MIT EINEM GETRÄNKEKARTON

Wie fühlt sich ein Getränkekarton? Wie denkt er über Leben, Reisen, Menschen und seine eigene Wiedergeburt? Wir wollten’s wissen und haben einen Getränkekarton zum Gespräch gebeten.

Unser Interviewpartner
Einer von 700 Millionen jährlich: Ein Getränkekarton, der sich unseren brennenden Fragen stellte
und bereitwillig über sein Leben Auskunft gab.

 

Wer nun denkt, ein Getränkekarton hätte nichts zu sagen, darf sein Urteil revidieren. Gut möglich, dass wir einen besonders gesprächigen Getränkekarton ausgesucht haben, aber immerhin: Wir vermuten, wie er denkt, denken viele seiner Mitkartons. Aber lesen Sie selbst.

Sie wirken heute perfekt abgefüllt, fühlen Sie sich gut?
Ja, danke. Meine abgefüllte Wirkung liegt in der Natur meines Jobs, ich für meinen Teil wiege nur gerade mal 5 Prozent des Gesamtgewichts, der Rest ist Inhalt, den ich anbiete. Wirke ich auch voll, so bin ich doch selbst schlank wie ein Karton. Das ist nicht nur gesund, das nennt man auch ökonomisch.

Sie sind nur einer von vielen, gehen Sie da nicht etwas in der Menge unter?
Ich bin einer unter Millionen, das schlägt aber keineswegs aufs Selbstbewusstsein, ganz im Gegenteil.

Warum das?
Weil ich so begehrt bin, wie sonst keiner. Das fängt schon im Laden an. Klar stehe ich zusammen mit anderen im Regal, aber man entscheidet sich exklusiv für mich! Aus hunderten. Ein Griff in meine Richtung, und schon habe ich neue Freunde und werde im Einkaufswagen zur Kasse gefahren. Und mit den Begehrlichkeiten geht’s in meinem neuen Zuhause gleich weiter. Man mag mich und greift immer wieder nach mir – bis ich leer bin.

Gutes Stichwort – Ihr pralles Leben ist eher kurz, leben Sie es intensiv?
Ersteres halte ich für ein Gerücht, zweiteres kann ich klar bejahen. Ich bin viel unterwegs, überall gerne gesehen, mache Menschen fröhlich – und all das immer in bester Gesellschaft.

Und weshalb halten Sie die Bemerkung des kurzen Lebens für ein Gerücht?
Weil ich immer wieder zurückkomme. Nach einem kurzen, intensiven Leben als Getränkekarton gehe ich zurück auf Start und beginne einfach ein neues Leben.

Also keine Zukunftsängste?
Überhaupt nicht, ein Getränkekarton kennt keine Zukunftsängste, warum auch!? Bin ich leer, haben ich noch viel zu bieten. Immerhin bin ich ein Verbundkarton, ich bestehe vor allem aus wertvollen Holzfasern, habe aber auch hauchdünne Folien aus Aluminium und Polyethylen. Letztere sind wichtig für meine Stabilität und auch, um meine wertvollen Inhalte vor Licht, Sauerstoff und Bakterien zu schützen. Mit anderen Worten: Mich kann man überall und immer wieder brauchen, deshalb werde ich recycelt...

...und Sie werden wieder zu Karton?
Auch, klar – und mehr als das. Ich bin eben sehr einfach zu recyceln. Und weil meine Bestandteile gut voneinander zu trennen sind, starte ich meine neue Karriere gleich auf verschiedenen Bühnen. Mit meinen Holzfasern in der Kartonindustrie, mit meinen Aluminium- und Polyethylen-Anteilen in der Zementindustrie. Mein Alu ersetzt Bauxit und mein Polyethylen wird zum Ersatzstoff für Kohle. Stark, oder?

Sicher, und wie geht Ihr Leben dann als Karton weiter?
Da zeige ich mich von meinen stärksten Seiten, weil ich ja vor allem aus Holzfasern bestehe. Habe ich Glück, werde ich zum Beispiel Teil einer Parfumverpackung und warte distinguiert in den besten Häusern des Landes auf Kundschaft. So oder so, ich werde zu Wellkarton, der wird überall und für vieles gebraucht – und das Leben geht spannend weiter.

Erstaunliche Karriere!
Ja, vor allem wenn man bedenkt, dass ich schon auf ein langes und erfülltes Leben im Wald zurückblicke.

Wie kommt das?
Eigentlich bin ich Natur pur und habe meine Karriere als Baum begonnen. Ich bin eine nachwachsende Ressource – und wir Bäume sind sehr vielseitig einsetzbar. Die einen werden zu Häusern, andere zu Möbeln und ich habe mich eben für die Laufbahn als Getränkekarton entschieden...

...mit Umschulungspotenzial zum Wellkarton?
Ja, sofern ich recycelt werde. Das ist aber fast überall der Fall – und demnächst hoffentlich auch in der Schweiz.

Was wünschen Sie uns Menschen für die Zukunft?
Natürlich nur das Beste, konkret mehr von uns! Wir sind nicht nur nützlich und praktisch, wir sorgen auch für die denkbar beste Ökobilanz. Und vor allem: Wir kommen immer wieder!

Das nächste Mal also als Wellkarton?
Genau, lassen Sie sich überraschen!

Prima, wir drücken Ihnen die Daumen und bis zum nächsten Mal.
Danke für das Gespräch, man sieht sich – versprochen!

Commentaires

Mir wundert's: wenn schon ein Grossbetrieb wie Model mit- oder besser vormacht.... wieso geht es nicht zack zack vorwärts ? Und man sagt, dass das Recycling problemlos ist (scheint auf dem video für einen Laien allerdings recht aufwendig un kompliziert!!!, Coop und Migros setzen das Geld wahrscheinlich lieber für spektalurärere Sachen aus....

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